Heute möchte ich über einen sehr seltsamen Film sprechen. Er ist nicht unbedingt seltsam, was die Aufmachung anbelangt. Es handelt sich schließlich um einen deutschen Film. Aber es ist die inhaltliche Struktur, die mich ein wenig ratlos zurücklässt; das ist wiederum eine der Stärken deutscher Filmemacher. Ja, deutsche Filme glänzen immer nur mit intellektueller Diskussion, nie mit kreativer Leichtfüßigkeit. Das Bemerkenswerte an diesem Film ist hierbei allerdings, dass ich anfangs vom Film völlig enttäuscht war (weil er nicht einmal diese Intellektualität bedienen konnte), aber nach dem Ende nur noch davon schwärmen kann, wieviel er mir gegeben hat.
Doch kommen wir zunächst zu den harten Fakten: Pixelschatten (mit dem Untertitel: Our Life Is Online) wurde als Blogger-Film angekündigt, der das Wesen der Blogosphäre und des Austausches im Internet wiedergeben soll. Letztendlich wurde daraus ein durchdachter Coming-of-Age-Film, der wieder einmal mit deutschen Jugendklischees (Bierflaschenklirren) jongliert und die Erlebnisse eines furchtbar unsympathischen Blogspot-Bloggers in seiner Clique visualisiert.
Aber ich muss wahrscheinlich weiter ausholen, um zu erklären, was mich an dem Film stört. Für mich ist das Internet eine Technik-Nerd-Erfindung, der man filmisch nur begegnen kann, indem man diejenigen ehrt, die sich die Zeit nehmen, dass Internet zu gestalten und zu verstehen. Im Film repräsentiert Pixel hingegen die rebellische Mainstream-Attitüde des Bloggens. Er benutzt Blogspot als Plattform, weil es einfach ist und er sich nicht mit dem Internet als Technik auseinandersetzen muss. Er verbreitet Gerüchte und schreibt über seine Wahrnehmung der Gefühlswelt seiner Freunde, weil er damit ohne großes Wissen oder Recherche zum Meinungsmacher seiner Peergroup wird. Und er sieht sich ebenfalls als unglaublich kreativer, unverstandener, allein gelassener Mensch, obwohl er im Film eher als das genaue Gegenteil dargestellt wird. Darüber hinaus versteht er auch nicht, dass er die Menschen in seiner Umgebung verletzt und zieht daraus keine weiteren Konsequenzen. Pixel ist als Protagonist, dessen Wahrnehmung man durch die POV-Perspektive zusätzlich noch die gesamte Zeit über verfolgen muss, völlig ungeeignet, und ich habe mich aus diesem Grund schwer damit getan, den Film überhaupt richtig ernstzunehmen.
Aber damit nicht genug. Der Film basiert auf den klassischen Jugendklischees. Jugendliche können nur über Beziehungsthemen und die Zukunft sprechen, sie feiern die ganze Zeit mit Alkohol, Drogen sowie Sex, und sind arrogant, oberflächlich und naiv. Meine Wahrnehmung der deutschen Jugend macht da nicht unbedingt eine Ausnahme, weshalb diese Klischees ja auch irgendwie gerechtfertigt sind. Mein Problem ist nur, dass wir immer und überall damit in Filmen konfrontiert werden. Das ist einfach zu viel. Und gerade bei Pixelschatten hatte ich das Gefühl, dass ich mich in keiner Weise mit dieser Jugend identifizieren kann, obwohl das Thema des Films und viele Ideen (besonders von Dunia) anscheinend genau auf mich zugeschnitten sind.
Ihr merkt schon, dass ich sehr große Probleme mit dem Film hatte und ich möchte euch jetzt genau beschreiben, wie sie sich mehr oder weniger in Luft aufgelöst haben. Dazu muss ich allerdings die Handlung und das Ende des Filmes vorwegnehmen. Wer sich also nicht spoilern lassen möchte, sollte sich genau jetzt den Film anschauen. Wer weiterliest und sich den Film noch nicht angesehen hat, muss damit leben, dass er eine der wenigen Situationen kaputt macht, in denen er wirklich von einem Film überrascht werden könnte. Okay, es geht weiter.
Der Film handelt von Pixels Veröffentlichungen über das Privatleben seiner Freunde und den Konflikt, der dadurch entsteht. Nachdem er mit der Zeit unausstehlich wird, distanzieren sie sich immer weiter von ihm und möchten letztendlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Im Affekt veröffentlicht Pixel ein Nacktvideo von sich und seiner Freundin Suse und verschwindet daraufhin. Niemand weiß damit etwas anzufangen und Suse versucht es zu ignorieren. Pixels Mitbewohner Lutz kann das Video löschen und das Blog ruht daraufhin. Nach drei Wochen kehrt Pixel jedoch zurück und veröffentlicht munter weiter. Er sieht ein, dass er Fehler gemacht hat und versucht den Blog nun als Gemeinschaftsprojekt aufzuziehen, damit das, was Pixelschatten bedeutet für ihn nicht verschwindet. Er erreicht einige Erfolge mit kreativen Arbeiten und das Projekt wird bekannter als jemals zuvor.
Soweit so normal. Jeder Blogger macht eine Phase durch, in der er Fehler begeht, in eine Schaffenskrise stürzt und daraufhin das Bloggen aufgibt, um dann im Nachhinein gestärkt daraus hervorzugehen. Das ist nichts Außergewöhnliches, trotzdem eine nette kleine Blog-Geschichte. Das Ende verändert jedoch alles, denn der Blog wurde nicht von Pixel weitergeführt, sondern von Dunia, Lutz und Suse, die sich dadurch erhofft hatten, ein Lebenszeichen von Pixel zu erhaschen, der seit der Veröffentlichung des Nacktvideos verschwunden geblieben ist. Der Film führt den Zuschauer dabei in die Irre, weil die POV-Perspektive und die Stimme von Pixel erhalten bleiben. Allerdings wechselt man in Wirklichkeit zwischen Dunia, Lutz und Suse hin und her, was dadurch zu erklären ist, dass sie sich alle auf dem Blog als Pixel ausgeben.
Das ist genial, weil der Zuschauer mit dem Blogleser identisch wird. Der Film ist damit eine reine Visualisierung der Blogeinträge, weshalb wir nicht unbedingt die komplette Wirklichkeit, sondern eher die wahrgenommene Wirklichkeit des Autoren sehen. Das ist aber ebenfalls traurig, da Pixel sich nicht gefangen hat. Er ist weiterhin verschwunden, seine Freunde machen sich Sorgen und es ist ungewiss, was mit ihm überhaupt passiert ist, oder ob er noch am Leben ist. Es ist sogleich eine Metapher auf das digitale Leben, denn genau dieses führt dazu, dass digitale Kontakte bei dem Verschwinden eines “Online-Freundes” über den Verbleib desjenigen rätseln. Der Film bekommt dadurch eine weitaus tiefergehende Bedeutung und ist viel mehr als die nur vorerst angenommene typisch plumpe Coming-of-Age-Geschichte. Die filmische Botschaft, dass alles, was sich nicht im Internet abspielt, nicht existiert, wurde klar durchgezogen und ist eine wunderbar kritische Frage.
Doch darüber hinaus stellt das Ende alles infrage, was man bereits wahrgenommen hat. War die Einführung der Jugendklischees beabsichtigt? Soll die Geschichte so banal wirken? Soll Pixel ein Arschloch sein, damit das Nacktvideo und das Verschwinden glaubhafter erscheint? Oder war er einfach nur ein weiteres Klischee, das sich angeboten hat? Fragen, die sich nicht beantworten lassen, aber die ich mir erst durch das Ende stelle. Ich habe den Film völlig unterschätzt und natürlich bleibt er 80 Minuten Coming-of-Age-Quatsch. Aber das Ende ändert die Wahrnehmung des Comig-of-Age-Quatsches so sehr, dass man sich trotzdem gut unterhalten fühlt und darauf kommt es letztendlich auch an.
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(via)
Und die Musik ist bis auf wenige Momente großartig. http://listn.to/PIXELSCHATTENScoreSoundtrack/player
Joasihno – My Colours.
Ich hatte schonmal was geschrieben, aber es trat ein Fehler auf.:-/
Grundsätzlich denke ich, dass die Klischees dafür da sind, dass sich möglichst viele Menschen mit den dargestellten Personen identifizieren können. Und die Breite Masse ist nun einmal so. Denke ich zumindest. Hättest du gern ein Film über dich? Aber an sich hat der Alkoholkonsum für diesen Film doch kine tragende Bedeutung, oder siehst du das anders?
Ich bin übrigens der Meinung, dass Pixel sehr wohl ein guter Protagonist ist. Ich finde nicht, dass er ein Durchschnittsblogger. Du behauptest, dass er Blogspot nutzt, da er von anderem keine Ahnung hat bzw. kein Interesse. Das habe ich so nirgendwo im Film gesehen.
Ich finde ihn gerade aufgrund seiner doch oft erkwürdigen Taten sympathisch. Waruum schreibt er manche Dinge auf seinen Blog anstatt darüber zu sprechen? Warum rastet er manchmal aus? Er macht das nicht aus Sensationsgeilheit oder ähnlichem. Er macht das, weil er so ist. Denke ich.
Ich hatte deinen Beitrag erst bis zur Mitte gelesen und dann den Film geschaut, bevor du spoilerst. Dadurch hab ich aber genauer geschaut, da ich ja wusste, dass am Ende etwas besonderes passiert.
Ist dir aufgefallen, dass Pixel immer das Blog sagt und nachdem er verschwunden ist, von dem Blog gesprochen wird? “Der beste Blog der Welt.”
Ach und hast du verstanden, warum Caro so ausgeschlossen wird?
SPOILER
Zunächst einmal: Es ist meine Wahrnehmung vom Charakter, aber er verhält sich schon sehr beschissen. Wenn seine Freundin ihm sagen muss, dass er mit seinem Geschriebenen, die Leute verletzt, die weiteren negativen Reaktionen darauf als Unwitzigkeit interpretiert und dann trotzdem genau so weiter macht, dann ist das für mich keine sympathische Eigenart, sondern ein Arschlochverhalten. Er ist wie ein kleines Kind, über dessen herablassenden Witz niemand gelacht hat und das anderen jetzt die Schuld dafür gibt, dass sie seinen Humor nicht verstehen.
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Der Film ist so technikfern wie es nur geht und stellt Pixel auch nicht als Menschen dar, der sich für die Technik dahinter interessiert. Er nutzt sie und ist damit zufrieden. Der Blog entwickelt sich nicht weiter, er wird einfach als Kommunikationsmittel genutzt. Aus dieser Darstellung und der Benutzung von Blogspot unterstelle ich ihm Desinteresse. Es wird nicht einmal thematisiert. Blogger, die ihren Blog selbst gemacht haben, sind in den meisten Fällen auch von der technischen Seite überzeugt. Die Tatsache, dass er darauf als Egomane nicht eingeht, ist ein Indiz dafür, dass es ihm schlichtweg egal ist, wie es funktioniert, solange er damit tun kann, was er möchte.
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Ja, natürlich möchte ich einen Film haben, mit dem ich mich identifizieren kann. Gerade auch, wenn er durch seine gewählte Darstellungsform den Anspruch erhebt, mögliche Realität wiederzugeben. Es ist aber für mich auch klar, dass ich das nicht unbedingt bekommen werde und Jugendliche in vielerlei Hinsicht so sein können, wie sie im Film dargestellt werden.
Ich finde es nur traurig, dass das Bild des typischen Partygängers weiterhin so bedient wird und dass die Außen- und Innenwahrnehmung der dargestellten Figuren fast identisch sind. Wer sich Jugendliche als ich-bezogene hedonistische ständig Bier-trinkende Veranstaltungsjunkies vorstellt, wird von diesem Film, der eben ein realistisches Bild von der Gefühlswelt der Jugendlichen abgeben soll, keines Besseren belehrt. Eher wird er darin bestärkt, dass Jugendliche an sich naiv sind und nicht ernstgenommen werden sollten.
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Der Drogenkonsum hat sehr wohl eine tragende Bedeutung. Mehrere Blogbeiträge werden über die nächtlichen Ausfälle geschrieben, wobei Leute kotzen, in einem Einkaufswagen weggefahren werden und einsam im Badezimmer an ihrem Bier nippen. Weiterhin wird ein Lied über Tequila-Konsum geschrieben, der für einen Partygänger nicht selbstreferenzieller hätte sein können. Komm doch wieder zurück, wir trinken gemeinsam etwas!
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Das mit dem Blog ist mir nicht aufgefallen, wird im Film aber thematisiert (es gibt ein Video, wo sich Suse und Pixel darüber streiten, ob es nun der oder das Blog heißt) und ist ohne weiteres einer der Hinweise (wie die Hintergrundfarbe und das ständig großgeschriebene “Du” in den Einträgen), dass der Blog von jemand anderem geführt wird.
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Vielleicht haben sie Caro nicht eingeweiht, damit sie sich keine Sorgen macht (hat ja nicht funktioniert, aber wussten sie ja nicht), und damit Pixel sich Sorgen um sie machen kann (es wird ja von Suse angedeutet, dass er sie möglicherweise mag, obwohl er das im Nachhinein bestreitet). Aber das ist eine weit hergeholte Theorie. Vielleicht haben sie auch einfach gehofft, dass er viel früher zurückkommt und sind selbst schon nicht damit fertig geworden (sieht man ja am Ende bei Suse), sodass sie eine weitere Erregung nicht gebraucht haben.
Ich bin zur Zeit viel zu sehr mit Superhelden beschäftigt, als das ich mir sowas ansehen könnte. So einen Film sollte imo von innen gedreht werden. Also von Leuten, die selbst schon lange bloggen.
P.S.: (ACHTUNG, BESSERWIESERMODUS!!!) “In keinster Weise” gibt es nicht. “In keiner Weise” ist schon garnix – weniger is schwer möglich :)
Also hast du dich spoilern lassen? Okay. Fehler berichtigt.