Ich verstehe nicht, warum ich Situationen aushalten muss, in denen ich mich nicht wohlfühle, und ich verstehe auch nicht, warum ich mich auf eine Art und Weise verhalten muss, die mir nicht entspricht, nur weil sie von der Mehrheit der Menschen als angemessen angesehen wird.
Wenn jemand “Aua!” plärrt, frage ich nie, ob es weh tat, da ich das dem Geschrei ja schon entnehmen konnte, und wenn ich, beispielsweise auf einem Geburtstag, neue Leute kennenlerne, schaue ich ihnen beim ersten Händedruck fest und prüfend in die Augen. Ich verheimliche demonstrativ meinen Namen, nur, um sie sofort als unaufmerksam, langweilig und desinteressiert einzustufen. Eine völlig richtige Schlussfolgerung, denn bis jetzt hat niemand nachgefragt, wie ich heiße. Mir würde natürlich sofort auffallen, wenn jemand dieses Verhalten ebenfalls anwedet. Er oder sie würde in meiner Achtung um Punkte steigen, die nicht einmal alle Marienkäfer der Welt veranschaulichen könnten.
Ich weiß auch nicht, warum ich vermeintliche Nachbarn grüssen sollte, wenn ich nicht einmal weiß, ob wir in der gleichen Straße wohnen, geschweige denn im gleichen Haus. Ebenfalls empfinde ich Formulierungen wie “Echt?” oder “Wirklich?” als ledigliche Bestätigung meiner These der geistigen Umnachtung. Soll ich auf diese qualifizierte Nachfrage vielleicht das Gesagte komplett wiederholen oder erwartet mein Gegenüber, dass ich jetzt endlich zugebe, dass alles doch nur gelogen war?
Vielleicht sollte ich auch anbringen, dass mir Smalltalk so gar nicht liegt. Ich will reden und reden lassen und nicht das Gefühl von Speeddating haben. “Interessiert ihn das überhaupt?, Hört sie noch zu?, Bin ich zu langweilig?”, sind dann die Fragen die mich beschäftigen. Und um diesen Fragen aus dem Weg zu gehen, lasse ich die Gegenseite einfach plaudern und sammle weiter Eigenschaften, die ich unheimlich anstrengend und sooo angepasst finde. Glücklicherweise kennen meine Freunde schon meinen Namen und sind in der Lage Fragen zu formulieren, die nicht nur ein Wort beinhalten. Neue Leute kennenlernen wird sowieso überbewertet…
Also…
Ich finde es ziemlich gemein, den Namen zu verheimlichen, um die Aufmerksamkeit anderer Leute zu prüfen. Vieleicht fragen sie ja deshalb nicht nach, weil ihnen das unhöflich erscheint, oder sie haben einfach einen echt miesen Tag und du verpasst haufenweise wunderbare, sonst absolut aufmerksame und an dir interessierte Menschen.
Ich mag Smalltalk auch nicht, aber manchmal kommt etwas wirklich gutes dabei raus. Nämlich dass das unglaublich unwahrscheinliche Ereignis eintritt, dass sich Leute für dieselben Sachen interessieren, wie ich. Das passiert äußerst selten, aber allein für die paar Male, bei denen es geklappt hat, hat es sich eigentlich gelohnt.
:)
Jonathan
Leuten,die mir mit überfordertem Lächeln die Hand schütteln, weil sie schon 20 neue Namen gehört haben, sage ich meinen nur zu gern, aber Menschen, die mir beim “Hallo” nicht mal ins Gesicht, sondern auf die Hand des nächsten schauen sind einfach mal raus:) Da ist die Sympathie gleich weg und mir der vielleicht interessante Kontakt egal. Mit dir würde ich aber sehr gern reden Jonathan :)
Fragen, wie “Echt?” oder “Wirklich?” empfinde ich nicht als Frage an sich, sondern meist als ein Zeichen der Erstaunung, oder Verwunderung, manchmal auch Neid. Und mit einem einfachen “Da kiekste, wa?” umgeht man die Frage und entlarvt, was mit der Frage gemeint war^^.
Je suis flatté.