Ich habe vor ein paar Monaten eine Veränderung an mir festgestellt. Mir ist aufgefallen, dass ich nicht mehr versuche anderen Menschen meine Gefühlswelt aufzudrängen. Zwar rede ich noch, höre nun aber viel mehr zu. Nicke ab und beschäftige mich einfach wieder mit der Tätigkeit, bei welcher ich zuvor unterbrochen wurde. Sollen doch alle machen, was sie wollen. Ich tue es ja auch, doch wenn ich ein Problem habe, es durchdenke, aber trotzdem alles schwierig und nervig bleibt, dann bekommen das nur sehr wenige mit. Ich glaube, dass es die wenigsten interessiert, oder sie mein Problem zu banal finden könnten beziehungsweise auch zu undurchsichtig. Jeder ist auf sich bedacht. Alle wollen berichten, erzählen, gefragt werden! Blöd nur, dass so niemand zum Zuhören und Fragen stellen bleibt, nicht einmal eine dumm grinsende Masse zum Applaudieren bleibt übrig.
“Ich habe ja gestern…” “Ach da brauchst du mir nichts von erzählen, dass hab ich alles schon durch.”
Man übertrumpft sich nur gegenseitig, keiner hört wirklich zu. Warum stellt man keine Fragen oder sagt: “Sowas gab es bei mir noch nie.”? Es wird immer nur Trumpf auf Trumpf gestapelt, nur um dem Anderen seine Gewöhnlichkeit vor Augen zu zerren. Man sollte aktiv zuhören, außer das Gegenüber erzählt wirklichen Dreck, den man selbst natürlich zehntausend Mal härter durchleben musste, um jetzt hier so zu stehen, na da kann man ja unmöglich nur zuhören. Da muss belehrt werden, quasi zum besseren Leben angeleitet werden. So ein Quatsch !!!
Vielleicht hat diese Betrachtung von Zwischenmenschlichkeit auch dazu geführt, dass ich nur noch mit wenigen über mich rede und den Rest einfach reden lasse. Ich empfinde diese Allerweltgespräche auch nicht als Bereicherung. “Oh was so los bei dir? Biste über Weihnachten wieder hier? Lass ma was machen zusamm ne. Also, wir sehen uns.” und im nächsten Jahr zur gleichen Zeit das gleiche Gespräch, weil man den Anderen einfach nicht sehen will. Man hat ja mit sich selbst schon genug zu tun, wozu noch den Seelenbalast von so “Halbbekannten” auf sich laden, die erleben ja nichts, sondern palavern immer nur über die Welt.
Das soll jetzt nicht heißen “Hört jedem zu!”, denn manche haben es einfach nicht verdient, aber geht offener durch die Welt und tauscht euch aus, anstatt nur stur Situationen nachzuerzälen, um Lacher zu ernten. Diskutiert oder versucht es zumindest, denn stur aneinander vorbei reden erhält weder die Freundschaft, noch irgendetwas anderes.
Vielleicht sollte ich mich öfter an diese Worte erinnern, anstatt mit Musik auf den Ohren stur in mein Buch zu starren und mich zu ärgern, weil mir niemand zuhört, mich fragt oder mir zumindest ab und zu spontan applaudiert.
Hallo Loisa,
…und ich dachte, ich bin der Einzige dem die Corsagen der Egozentrik an meinen Gegenübern auf die Nerven geht. Ich bin mittlerweilen auf eine ähnliche Position gewechselt wie du sie schilderst, blos, dass ich nun hin & wieder…. immer öfter zuhöre und auch applaudiere. Ganz frei nach dem Gedanken, ernten, was wir sähen. Vielleicht versucht dann mein Gegenüber auch nicht mehr mein Gesagte immer zu übertrumpfen.
Dein BlogPost hat mir echt Freude bereitet ;)
servas, niesreiz
Ich kann nicht von mir behaupten, einer der besten Zuhörer der Welt zu sein, aber ich nehme deine Herangehensweise auf jeden Fall in mich auf. Ich danke dir und applaudiere gern. *Applaus* :)
Empfindest du auch bei deinen (engsten) Freunden so? Sind diese nicht für einander da? Zum Reden und Zuhören, ohne sich gegenseitig “übertrumpfen” zu müssen.
Unterschreib ich alles. gehe gerade genau mit diesen Gedanken durch den alltag.
@ niesreiz: Danke! Dein Kommentar hat mir ebenfalls Freude bereitet. :)
@ Henry: Applaus ist immer sehr willkommen ;)
@ Matti: Bei meinen engsten Freunden ist das zum Glück nicht zu, aber bei ein paar Freunden im Allgemeinen schon. Und ich spiele ja auch auf so “Halbbekannte” an. Hilft dir das irgendwie?
@ ringvernichter: Ich umarme dich gedanklich gerade sehr lange und sehr aufbauend :) Du bist ja schließlich einer meiner liebsten Filmexperten!
Gut. Es klang nämlich ziemlich einsam, deswegen frage ich. Das “Halbbekannte” hatte ich irgendwie nicht auf den ganzen Artikel bezogen.