Zukunft

Xesier

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Wenn der Saal mehr beschäftigt, als die Leinwand

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Wenn wir im Kino sind, tauchen wir ein in das Erlebnis. Medienwissenschaftler sprechen dabei gerne von dem Dispositiv des Kinos. Wichtigster Vertreter dieser Theorie ist Jean Louis Baudry. Ganz simpel bedeutet Dispositiv, dass der Zuschauer die Welt, die vor ihm projiziert wird, als Realität empfindet und den Kinosaal um sich herum vergisst. Nur du und der Film. Alles andere wird vom Zuschauer ausgeblendet. Doch klappt die Umsetzung dieser Theorie nicht immer. Selten ist man allein im Kino. Und nicht immer wollen alle anderen Zuschauer voll vom Film eingenommen werden. Wie unterschiedlich sich diese Tatsache auf das Filmerlebnis auswirken kann, davon möchte ich heute gern erzählen. Ich durfte jüngst mit unterschiedlichen Arten der Zuschauereinwirkung Bekanntschaft machen.

Ich besuchte vor ein paar Wochen eine Sneak-Preview. Heißt unbekannter Film, aber auch billiger Eintritt. Das hält die Erwartungen niedrig und damit das Überraschungspotential hoch. In stiller Bitte keinen Horrorfilm sehen zu müssen, betrete ich den Saal und bin überrascht wie voll der Saal ist. Aber mir wird bewusst, wir haben Weihnachtsferien und was soll denn die Lausitzer Jugend sonst machen unter der Woche. Nach einer halben Stunde Werbung, beginnt dann auch endlich der Film. „Helden des Polarkreises“, eine finnische Roadmovie-Komödie. Hätte ich sie mir zuhause angesehen, oder hätte mir den Saal nur mit den üblichen 10 Leuten geteilt, wäre es ein ganz netter Film, der mir ein paar Schmunzler entlockt hätte. Doch nicht an diesem Abend, mit diesem Publikum. Denn ab der Mitte des Films beginnen 2 Herren im hinteren Teil des Kinos über die Sprüche und die Slapstickmomente laut zu lachen. Sie brüllen, sie schreien beinahe. Und ich reagiere am Anfang wie die meisten anderen. Irgendwo zwischen genervt und verwundert dreht man sich um und will die Störenfriede im dunklen Saal erspähen. Doch mit der Zeit gibt man auf und lässt sie einfach loslachen. Und mit der Zeit passiert etwas Merkwürdiges. Der Film wird plötzlich unglaublich lustig. Die Kerle haben recht, die Szene ist megawitzig, wenn da einer kopfüber aus dem Fenster hängt. Und nicht nur ich mache die Feststellung, sondern auch der Rest des Publikums. Wir lachen plötzlich alle herzhaft über die Sprüche. Zeitweise hab ich Tränen in den Augen, und klatsch mir mit den Händen auf die Schenkel. Diese 2 Typen wurden von Störenfrieden zu Animateuren. Am Ende weiß ich nicht, ob die Szene wirklich witzig war, oder ob einfach das Gelächter um mich rum so ansteckend ist. Kommentare des Publikums stören plötzlich nicht, sie bereichern den Film. Am Ende sind meine Begleitung und ich uns einig, dass es eine der besten Komödien war, die wir im Kino sehen durften. Die ganze Heimfahrt über zitieren wir noch aus dem Film und sogar die Kommentare der Zuschauer.

Ich würde diesen Text gerne so beenden. Mit dem abschließenden Entschluss, das ein Publikum einen Film noch bereichern kann, dass es nicht unbedingt ein allumfassendes Dispositiv dafür braucht. Doch leider war ich dann letzte Woche noch in „Sherlock Holmes 2 – Spiel im Schatten.“

War mein erster Guy Ritchie Holmes und war daher auch vom Film her positiv überrascht. Die Action war nicht bombastisch, aber unglaublich gut inszeniert, ich habe mich in Noomi Rapace verliebt und auch die Dialoge sind unterhaltend. Und mit unterhaltend meine ich, dass man davon mal schmunzelt und sich auch den einen oder anderen Spruch einprägt. Allgemein liegt Sherlock Holmes 2 für mich humoristisch gesehen im Mittelmaß. Nett, aber keine Brüller. Muss auch nicht, will ich vielleicht auch nicht. Ich finde so ein leichter Witz steht solcher Art Film viel mehr. Leider scheinen die beiden Damen neben mir da anderer Meinung. Entweder sie waren offizielle Vertreterinnen des „Robert Downey Jr. ist lustigster Mensch der Welt! e.V.“ oder sie haben sich bei sich Daheim noch ein Sektchen gegönnt. Zum warm werden. Nämlich jede Tat, jede Geste, sogar jeder Laut die von Sherlock Holmes ausgeht wurde mit lauten Gelächter kommentiert. „Da! Er spritzt dem Hund was! HAHAHAHA! Jetzt läuft der Hund weg! HAHAHAHAHAHAHA!“ Und da war er wieder. Der Gedanke in mir. Alles Kulturbanausen, außer mir. Stimmt natürlich nicht, aber manchmal lässt mir das restliche Publikum da kaum eine andere Wahl. Ich weiß, Humor ist Geschmackssache, aber was die beiden Damen da neben mir dargeboten haben, war keine subjektive Sichtweise mehr, das war Hysterie in Reinform. Und ich find den Film dann irgendwann gar nicht mehr lustig, schon aus Prinzip nicht.

Und so kann ich diesen Text nun doch nicht mit einem eindeutigen Fazit abschließen. Wahrscheinlich ist mit den Filmen und deren Publikum ein reines Glücksspiel. Mal teilt man sich halt den Saal mit ein paar Typen mit gutem Humor, die einen anstecken können und sogar eher schwache Filme in ein tolles Erlebnis verwandeln können und mal hat man dann doch wieder „Hanni und Nanni und das Geheimnis der lustig riechenden Zigarette“ neben sich sitzen, die Filme in der abschließenden Wertung noch runterziehen können. Ich frage mich, mit welchen Leuten Baudry den Kinosaal teilen durfte.

3 Kommentare

  1. Hast du auch den ersten Sherlock Holmes Film gesehen? Anhand deines Textes wohl eher nicht. Mich würde mal deine Meinung zu den beiden Filmen im Vergleich interessieren.
    Ach und auch ich hatte bei Sherlock Holmes auch 2 Damen im Kino. Ich glaube, sie gehörten ach diesem Fanclub an.
    Vielleicht waren es ja dieselben.

  2. Ich bin wahrscheinlich noch total verwöhnt, was Kinopublikum angeht. Denn in meinen Lieblingskinos in unserer ehemaligen Hauptstadt (eins davon sogar ein Multiplex) behandelten sich bisher alle Zuschauer mit viel Respekt zueinander. Da wird nicht übertrieben laut gelacht, geschrien oder geredet.
    Heute war ich in meiner ersten Sneak und habe einen schwachen Film immerhin durch das Publikum (hier in Mainz ist das ziemlich rege während der Filmvorführung) ein wenig unterhalten. Wenn nämlich keiner vom Film wirklich umgehauen oder unterhalten wird, macht die große Lästerei auch während des Films tatsächlich Spaß. Dennoch: Mir gefällt Kino am besten, wenn man ruhig den Film mit vielen Menschen sehen kann (klar bei komischen Szenen darf gelacht werden) und danach Diskurse mit Freunden startet und anderen beiläufig zuhört. Dann fühle ich mich wieder wie in meinen Lieblingskinos.

  3. Ich habs auch am liebsten, wenn der Film in Ruhe geguckt wird. Meine Freundin hats auch manchmal drauf zu sagen “Guck mal, die hat jetzt das und das gemacht”… Ja, ich gucke den Film auch, das hab ich also gesehen… Zu zweit gehts ja noch. Aber im Kino find ich es bissl assi. Leute, die gerne zum Film reden, störts nicht, wenn die Hälfte des Publikums schweigt, aber die andere Hälfte störts schon, wenn gequatscht wird. Jeder soll nach seiner Art glücklich werden, aber wenn es die Freiheit anderer beschränkt…
    Wobei ich sicherlich auch nicht immer darauf achte -> Superbad :-)

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