Mechanikanalyse: This War of Mine

Ich spreche das ungern an, aber ich denke This War of Mine macht etwas grundlegend falsch. Es mag für eine Medienberichterstattung ausreichen, wenn ein Spiel sich im Gegensatz zu den großen Shootern der Kriegsthematik aus Sicht der Zivilisten annimmt. Das macht das Spiel aus meiner Sicht allerdings nicht besser oder interessanter. Und so sehr ich auch den Hintergrund der Entwicklung schätze, so sehr fällt leider die Idee durch, das Leben in einem Krieg durch ein Strategiespiel darzustellen.

Atmosphäre: Wir befinden uns in einer belagerten Stadt. Scharfschützen hindern uns daran, am Tag auf die Straße zu gehen. Wir leben mit dem Nötigsten in einem kleinen Versteck, das jederzeit überfallen oder zerstört werden kann. Wir wissen nicht, ob wir genügend Nahrung für die kommenden Wochen haben werden. Wir schleichen bei Nacht aus dem Haus, um nach Vorräten und Materialien zu suchen, die uns dabei helfen, unser Zuhause wohnlicher zu gestalten. Wie lange müssen wir hier bleiben, bevor wir fliehen können?

Ästhetik: Die kontrastreiche stark entsättigte Präsentation erinnert sehr an die ersten Call-of-Duty-Teile oder mit den Menüs auch an Strategiespiele wie Company of Heroes. Eine von herumliegenden Steinhaufen und zerstörten Häusern geprägte Umgebung unterstützt die Vergleiche, die zu den genannten Spielen gezogen werden können. Dementsprechend wirkt die Desillusionierung umso stärker, wenn einem durch das Spielen bewusst wird, dass die eigene Position eben nicht die eines Supersoldaten oder -generals darstellt. Der Einsatz von eingeschränkten Schärfe- und Sichtbereichen unterstützt das Gefühl der Beschränktheit. Auf der anderen Seite sollen zwar die sehr detaillierten Figuren eine größtmögliche Empathie erzeugen, aber sie fallen meist durch ihre stockenden Bewegungen aus dem Spiel heraus.

Mechanik: Das Spiel nutzt eine in 2D-Perspektive dargestellte zufallsgenerierte Welt und eine Reihe von zufälligen Ereignissen, um bei jedem Spiel eine neue Geschichte mit den zusammengewürfelten Charakteren und den Entscheidungen des Spielers zu erzählen. Das Ziel besteht darin, so lange wie möglich zu überleben, bis der Krieg in einer nicht näher definierten Zukunft endet. Währenddessen begibt man sich auf die Suche nach Vorräten, versucht sein Zuhause wohnlich zu machen und es gegebenenfalls vor Angreifern zu schützen. Hier wird auch eine starke Parallele zu Don’t Starve deutlich, das ähnliche Spielmechaniken benutzt, um den Spieler an das Geschehen zu fesseln.

Doch This War of Mine hat das Problem, dass es die Realität wiedergeben möchte und dadurch den Anspruch erhebt, Krieg durch die besprochenen Spielmechaniken verdeutlichen zu können. Und trotz all dieser überzeugenden Elemente scheitert es genau darin. Krieg ist kein Spiel, in dem du nach Rohstoffen suchst, um dir ein Bett bauen zu können. Krieg kennt nicht nur schwarz und grau. Du arrangierst dich nicht so einfach mit der Dunkelheit und überlebst. Krieg ist viel perfider. Krieg ist, wenn du in der Schule zum ersten Mal die Liebe deines Lebens küsst und nicht weißt, ob sie am Nachmittag von einer Landmine in Stücke gerissen wird. Krieg ist, wenn du überlegst, ob du Milch und Zucker in deinem Kaffee haben willst, während 100 Meter neben dir eine Rakete in den Boden rast und explodiert. Krieg ist keine Zombie-Apokalypse ohne Zombies. Krieg ist die Unsicherheit in unserem Kopf, die Angst vor einem blauen Himmel an einem Sommertag, das Zerschmettern von Träumen, von denen wir selbst noch gar nichts wissen. Krieg ist kein Spiel, das mir zeigt, dass jemand wahnsinnig wird. Krieg ist das Spiel, in dem ich mich normal verhalten muss, während mich mein Inneres zerreißt.

Fazit: This War of Mine ist ein erster Schritt in eine Computerspielewelt, die Krieg nicht als Heldenmythos verklärt. Was meiner Meinung nach fehlt, ist jedoch das Verständnis, dass es auch keine Simulation über die Erhaltung der eigenen Bedürfnisse sein sollte. Ich denke, es ist möglich, Computerspiele über den Krieg zu entwickeln, die dem Thema gerecht werden, aber ich denke nicht, dass Spiele die Schrecken des Krieges jemals wirklich spielbar machen können.

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