Mittelpunkt
Die erschöpften Augen des Mannes suchen fast schon verzweifelt nach den zwei Bäumen, die wie ein V geformt sind, denn nur dort ist eine Übertragung möglich. Jedenfalls war das früher in seiner Kindheit so. Eigentlich dachte er immer, dass ihm noch mehr Zeit zur Verfügung steht. Doch man kann es sich nicht aussuchen und die Stimmen, die sich immer hinter dem Rauschen des Windes versteckten, wurden allmählich lauter, und das anfängliche Flüstern von damals ist nun eine kräftige Stimme geworden, die jetzt nach ihm verlangt. Das vibrierende Amulett in seiner Jackentasche signalisierte ihm, dass der Ort ganz in der Nähe sein muss. Doch die Schneeflocken fangen im Wind langsam wieder an zu tanzen, sodass kaum noch etwas zu sehen ist. Sein Blick wandert und versucht den Tanz der dicken Schneeflocken auszuweichen. Plötzlich zwingt ihn eine Stimme, seine Konzentration zu unterbrechen. “Opa? Stimmt es, dass jede Schneeflocke einzigartig ist?”. Richtig, er hat ja Lukas extra mitgenommen, um ihn die Magie der Sterne zu zeigen. “Ja das stimmt. Jede Schneeflocke ist so einzigartig wie jeder einzelne Mensch einzigartig ist und so wie die Schneeflocken danach streben auf den Boden zu fallen, streben Menschen danach glücklich zu sein.”. Das nachdenkliche Gesicht des kleinen Jungen bringt das Lachen auf das Gesicht des Mannes zurück. “Was überlegst du gerade?”. “Naja es landen ja nicht alle Schneeflocken auf den Boden, heißt das, dass auch nicht alle Menschen glücklich werden?”. “Mhh, da ist was dran. Das Problem ist, dass die Menschen genauso wie die Schneeflocken nur bedingt beeinflussen können, wo sie landen. Die Frage dabei ist, was jeder einzelne eigentlich möchte.” Das Gesicht von Lukas fängt an zu strahlen. “Und Opa, was möchtest du?”. “Ich?” Ein herzhaftes Lachen erhellt den Wald. “Ich möchte dir etwas zeigen.” Das Licht des Mondes strahlt so hell, als wollte die runde, löchrige Kugel mal wieder damit angeben. “Und… wann kann ich es sehen?”. Die Hand des Großvaters deutet in Richtung des rötlichen Mondes. “Die Sterne will ich dir zeigen, die kannst du jederzeit sehen.”. Lukas runzelt die Stirn. Er war es ja gewohnt, dass sein Opa verrückte Sachen sagt, aber das mit den Sternen kann Lukas nicht so ganz nachvollziehen. Der Tanz zwischen Schnee und Wind wird langsam ruhiger und am Horizont, etwas östlich von ihnen auf einen kleinen Hügel, schimmert die Silhouette der beiden Bäume durch den trudelnden Schnee. “Lukas, es wird Zeit das wir endlich ankommen.” (weiterlesen)






