Vielleicht liegt es nur daran, dass Toleranz in vielen Fällen unsichtbar ist und nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber ich habe das Gefühl, dass sie in meiner Filterblase immer seltener auftaucht. Und das wiederum löst in mir gewisse unangenehme Gefühle aus, denn ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Menschen trotz unterschiedlicher Meinungen zusammenleben können.
Wenn ich allerdings eine Kommentarspalte in einem sozialen Netzwerk öffne, bei der es zum Beispiel darum geht, dass Friedrich Merz irgendeinen Quatsch von sich gegeben hat, dann sehe ich etwas anderes. Ich hoffe zwar darauf, dass sich die Menschen über verschiedene Perspektiven austauschen, mir vielleicht Quellen für ihre Meinungen geben und zivilisiert einen Konflikt austragen. In der Realität gibt es aber eher Anfeindungen gegenüber den Personen selbst, Wünsche, dass diese Personen aus dem Sichtfeld verschwinden und dass sie sich für ihre Ansichten schämen sollten.
Und das macht mich wütend. Es macht mich wütend, weil die Welt schwierig genug ist. Und anstatt zusammenzuarbeiten, unsere Meinungen auszutauschen und zu Kompromissen in Bezug auf die Darstellung der Wirklichkeit und ihrer Veränderung zu gelangen, geht es eher darum, andere Menschen zu bekämpfen. Ich möchte jedoch mit ihnen gemeinsam an Lösungen arbeiten, die alle so gut es geht zufriedenstellt.
Die Realität sieht jedoch häufig so aus, dass eine Mentalität vorherrscht, die einzelne Gruppen verantwortlich für das Unglück anderer Gruppen macht. Arbeiter gegen Akademiker, Arme gegen Reiche, Männer gegen Frauen, Rechts gegen Links. Und auch wenn ich mich selbst klar links positioniere und damit einer Gruppen klar angehöre, bedeutet das nicht, dass ich mich anschließe, wenn es darum geht, Personen mit anderen Sichtweisen zu diskriminieren. Es geht darum, herauszufinden, wie diese Sichtweisen entstehen konnten und eine Gesellschaft zu schaffen, die allen Menschen ein angenehmes Leben ermöglicht.
Und dazu gehört auch, dass man Verhaltensweisen toleriert, die man selbst nicht mag. Nicht weil sie gut sind, sondern weil sonst Schritt für Schritt unsere Gesellschaft zersetzt wird, weil Menschen anstatt Positionen angegriffen werden. Denn Toleranz ist nicht nur das Einfordern von Toleranz, sondern auch das eigene Aushalten von Ideen, denen man kritisch eingestellt ist. Und das bedeutet nicht, dass man jegliche extreme Ideologie tolerieren muss, aber es bedeutet eben auch nicht, dass jede Diskussion über Friedrich Merz darin ausarten muss, andere Personen direkt anzugreifen.







